Vor dem Rathaus von CharleroiDie deutsche Dichterin Ingeborg Bachmann schrieb einmal, dass die Geschichte andauernd lehre, aber keine Schüler fände. Um dieser pessimistischen Einschätzung etwas entgegenzusetzen, folgte der Geschichtsneigungskurs des Gymnasiums im Namen der Stadt Schramberg bereits zum dritten Mal der Einladung der deutschen Botschaft in Belgien, an der Gedenkveranstaltung zum Ersten Weltkrieg in Charleroi, der belgischen Partnerstadt von Schramberg, teilzunehmen. Und so reisten 12 Schülerinnen und Schüler in Begleitung von Frau Herzog als Vertreterin der Stadt und mit ihrem Geschichtslehrer Jürgen Hallmeyer von Dienstag bis Donnerstag nach Belgien und erlebten, auf welch vielfältige Weise man wichtiger geschichtlicher Ereignisse gedenken kann.




Vor dem monumentalen Beinhaus in VerdunDiese Erfahrung begann schon auf der Hinreise, als die Gruppe Zwischenstation in Verdun machte, einem der bedeutendsten und fürchterlichsten Kriegsschauplätze des Ersten Weltkriegs, an dem sich 1916 deutsche und französische Soldaten fast ein Jahr lang gegenüberstanden und gegeneinander kämpften, wobei ohne eine nennenswerte Verschiebung des Grenzverlaufes unter massivem Geschützeinsatz auf beiden Seiten Hunderttausende von Gefallenen – die genaue Zahl ist bis heute nicht endgültig geklärt und differiert zwischen 150.000 und 800.000 für jedes Land (!) – zu beklagen waren. Schon allein im Beinhaus, dem eindrucksvollen Gedenkmonument, das in den Jahren danach in der Hoffnung entstand, als Mahnmal dazu beitragen zu können, dass sich ein Weltkrieg nicht wiederholt, liegen die Überreste von 130.000 Soldaten, die durch kleine Fenster betrachtet werden können und welche die Geschichtsreisenden ebenso betreten machte wie der Blick über das schier unendliche Meer an weißen Kreuzen auf dem Feld vor dem Bauwerk, an dem sich im September 1984 der französische Staatspräsident Francois Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl als wirkmächtiges Zeichen der inzwischen gewachsenen Freundschaft beider Staaten die Hände reichten. Das Mémorial de Verdun, ein sehr gelungenes modernes Museum, das die Gruppe unmittelbar danach besuchte, vertiefte die Eindrücke in besonderer Weise, indem dort die Geschichte dieses Kriegsschauplatzes sehr lebendig veranschaulicht wurde. Kein Geschichtsbuch könne das in dieser Form leisten, so die einhellige Meinung der Schülerinnen und Schüler.
Danach wurde die Reise fortgesetzt und man bezog vier Stunden später Quartier in der ein Jahr zuvor eröffneten Jugendherberge von Charleroi, um danach ein wenig die Innenstadt zu erkunden und sich zu stärken.
Bei der Setzung eines Stolpersteines zusammen mit dem Initiator des Stolperstein-Projektes, dem Künstler Gunter DemnigGleich der Morgen des darauffolgenden Tages hielt ein außergewöhnliches Ereignis für die Geschichtsfahrer bereit: Unweit der Herberge wurde in der Rue Vital Francoisse 53 in Marcinelle im Beisein hoher Vertreter der Stadt und der deutschen Botschaft sowie der Fondation Auschwitz, der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und des Künstlers Gunter Demnig , der 1992 das Projekt in Deutschland ins Leben gerufen hatte, ein „Stolperstein“ gesetzt, um an den 1922 geborenen Widerstandskämpfer Fernand Blampain zu erinnern, der 1943 festgenommen und ein Jahr später hingerichtet worden war. Für alle war das ein sehr bewegender Moment. Stolpersteine werden mittlerweile an vielen Orten Europas vor den letzten frei gewählten Wohnungen von Opfern der Naziherrschaft in den Boden eingelassen, und auch in Schramberg wurde die wichtige Diskussion darum 2017 angestoßen.
Wie wichtig und aktuell die mahnende und aufklärende Auseinandersetzung mit der Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte ist, erfuhr die Gruppe dann am späten Abend, als die Nachricht vom Anschlag in Halle bekannt wurde.
Während die Stolpersteinsetzungen an zehn weiteren Orten in Charleroi fortgesetzt wurden, verabschiedete sich die Gruppe aus Schramberg, da die Stadt Charleroi sie zu einer Führung durch das prächtige Rathaus und die diesem gegenüberliegende Basilika Saint Christophe eingeladen hatte, bevor sie sich auf dem Weg ins Bois du Cazier machte, wo nach einem von der deutschen Botschaft ausgerichteten Lunch ein Workshop zu den Themen Gedenkkultur, Frieden und Europa begann, die unter der Moderation der Vertreterin der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Sara Mieth aus Brüssel, von den Schramberger Schülern gemeinsam mit Schülern der französischen Schule in Brüssel diskutiert wurden. Die Sprachbarriere war rasch überwunden, man verständigte sich auf Französisch und Englisch, mit Blicken, Gesten und Zeichnungen, und so wurden aussagekräftige Plakate angefertigt, die anschließend dem deutschen Botschafter in Belgien, Martin Kotthaus, vorgestellt werden sollten. Die Diskussionen verliefen immer angeregter und es war bald nichts mehr von der anfänglichen Distanz zu spüren. „Ich war positiv überrascht, wie offen die französischen Schüler auf uns zugegangen sind“, so etwa Amely Steinwandel, und die anderen Teilnehmer des Geschichtskurses stimmten dem zu.
Bei der Kranzniederlegung auf dem Friedhof von MarcinelleAls um 15.00 Uhr der Botschafter eintraf, nahm sich dieser tatsächlich eine Stunde Zeit, um sich die Gedanken der Schüler zu den gestellten Themen schildern zu lassen. „Ich hatte das Gefühl, dass er sich wirklich auf uns eingelassen und unsere Überlegungen ernst genommen hat“, ist sich Emily-Lou Rajsp sicher, und Kira Feddersen ergänzt: „In seinen Antworten ist er tatsächlich auf das eingegangen, was wir gesagt haben.“ Davon zeigten sich alle ebenso beeindruckt wie von seiner Fähigkeit, die Zusammenhänge zwischen den historischen Entwicklungen vor den beiden Weltkriegen und der heutigen Situation in Europa in einer klaren Sprache – auf Deutsch, Englisch und Französisch – zu verdeutlichen. Dementsprechend kamen die Schüler immer wieder auf ihre Hoffnung zu sprechen, dass man aus der Vergangenheit lernen könne und möge. Felix Knecht wies etwa in sehr gutem Englisch darauf hin, „dass Frieden dann gesichert werden kann, wenn wir bei uns selbst anfangen und sicherstellen, dass wir mit anderen respektvoll umgehen, und dass jeder, egal ob Franzose oder Deutscher, sich klar sein muss, dass der jeweils andere auch Bruder oder Schwester von jemandem ist.“ Damit machte er deutlich, dass sich die Lebenssituationen junger Menschen in Europa sich nicht wesentlich voneinander unterscheiden, es für Kriege also keine echten Gründe gäbe, und er fügt hinzu: „Wir müssen begreifen, dass die Geschichte Europas von uns definiert wird.“
Nach dem für alle sehr gewinnbringenden, erhellenden und erfüllenden Workshop fand die Veranstaltung ihren würdigen Abschluss in der gemeinsamen Begehung des Friedhofes von Marcinelle, auf dem belgische, französische, britische und deutsche Soldaten begraben liegen. Und so meinte auch Sven Scherer treffend: „Es ist schon seltsam, sich vorzustellen, dass all diese Soldaten zuerst erbittert gegeneinander gekämpft haben und nun zusammen auf einem Friedhof liegen.“ Jeweils ein Lucky Luke und wir französischer und ein deutscher Schüler legten an den Mahnmalen aller Nationen und zuletzt am Mahnmal für die jüdischen Einwohner Charlerois, die während des Dritten Reiches umgekommen waren, Kränze nieder. Hierbei waren auch wieder die Vertreter der Stadt anwesend. Nach einem gemeinsamen Gruppenfoto mit diesen verabschiedete man sich sehr herzlich voneinander und die Schramberger Delegation trat wieder den Rückweg zur Jugendherberge an.
Abends traf man sich zu einem sehr leckeren gemeinsamen Abschlussabendessen in einem nahegelegenen Lokal.
Am nächsten Morgen wurden früh die Koffer gepackt, bevor die Gruppe erneut zu einer Führung durch die Stadt eingeladen war, die unter anderem zu Symbolen der berühmten in Charleroi ansässigen Comic-Kunst führte, während man nach dem Aufstieg über 272 Stufen auf der Aufsichtsplattform des Belfrieds die Gelegenheit hatte, die imposante Vergangenheit der Stadt als Kohle- und Stahlindustriezentrum aus der Ferne zu bewundern.
Mit großem Bedauern, dass die für die meisten zu kurze Reise bereits ihrem Ende entgegenging, stiegen alle vor dem Rathaus in den Bus, um wieder Richtung Heimat zu fahren, jedoch mit dem Gefühl im Gepäck, einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet zu haben und mit vielen Eindrücken und Erkenntnissen nach Hause zurückzukehren, verbunden mit der Hoffnung, dass auch durch solche Begegnungen und Erlebnisse Ingeborg Bachmann mit ihrer Einschätzung nicht recht behält.
Jürgen Hallmeyer